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Artikel 14.01.2008 |
| Der Papiertiger lobt seine Knüppelgarde - Dutzende Verletzte nach SEK Einsatz gegen oppositionelle Jugendliche. |
In einem Staat, der auf singende Jugendliche einprügelt, kann etwas nicht in Ordnung sein. So formulierte es vor etwa 30 Jahren ein Jugendlicher, der mit ansehen musste, wie die bewaffneten Einheiten des Apparates ein Konzert zerschlugen. Die damaligen Herrschenden hatten zwar schnell erkannt, welches Potenzial in einer Ansammlung von Jugendlichen besteht, deren Glauben an den Staat mehr und mehr zu schwinden drohte, nicht aber, dass erst durch ihre Gewalt, aus unangepassten Jugendlichen ernsthafte Oppositionelle wurden.
Jahrzehnte sind vergangen und der Staat, in dem etwas nicht in Ordnung sein konnte, brach unter dem Protest tausender Menschen zusammen. Aus den jungen Oppositionellen von einst sind Mütter und Väter geworden, die damaligen Verantwortlichen längst von ihrer Macht entbunden und dennoch scheint es, als müssten sich ihre leidvollen Erfahrungen nun im Leben ihrer Kinder wiederholen.
Als am vergangenen Sonnabend ein paar Hundert Jugendliche in Lübben zusammenkamen, um Musik zu hören, zu reden, zu lachen, da hatte wohl keiner von ihnen erahnt, dass sie die Nacht in der Notaufnahme oder in einer Gefängniszelle verbringen müssen. Da hatte noch keiner eine Ahnung davon, was es bedeutet, wenn der Apparat seine Knüppelgarde von der Leine lässt, sie blindwütend alles Zerstören, jeden niederschlagen und Einzelne misshandeln, eben, weil es ihre Funktion ist.
Knapp 30 von ihnen mussten sich in der Notaufnahme der Spreewaldstadt behandeln lassen. Die bis zu 7 cm langen Platzwunden waren das Ergebnis eines Sondereinsatzkommandos der Landespolizei. Die Einheiten drangen in das Gebäude, als sich die Jugendlichen fertig machten, um sich in Absprache mit dem Einsatzleiter nach draußen zu begeben.
„Mir ist es, egal ob die Zeit noch nicht um ist, wir gehen jetzt rein“, verkündete der Einheitsführer des SEK dem Einsatzleiter. Als die Jugendlichen hörten, wie ein Trennschleifer die Scharniere der Tür durchschnitt, setzten sie sich auf den Boden, um den bewaffneten Einheiten keinen Grund zum gewaltsamen Handeln zu geben. Dennoch schlugen sie auf jeden ein, den sie vor ihre Knüppel bekamen.
Überall lagen die jungen Männer und Frauen gefesselt auf den kalten Boden des Raumes und auf dem Hof. Als einer von ihnen beginnt das Lied „Die Gedanken sind frei“ zu singen, wird er mit Tritten in sein Gesicht zum Schweigen gebracht. Einen Anderen schlagen sie mit Knüppeln solange auf den Hinterkopf, bis er sich gänzlich vom Blut rot gefärbt hat. „Wir verstehen auch nicht was das hier soll“, versucht sich ein Polizist, der wohl zu einer anderen Einheit gehört zu rechtfertigen, als kein Anderer in der Nähe ist.
Der Krankenwagen vor dem Gebäude, der derweilen die ersten Jugendlichen behandelt, muss Verstärkung anfordern, um den Verletzten gerecht zu werden. Zwei junge Frauen stehen daneben, ihre Körper zittern und ihre Blicke starren in die Leere. Auf dem Hof und im Gebäude liegen zwei Männer bewusstlos in ihrem Blut. „Wenn du deinen Mund aufmachst, fällst du da gegen“, brüllt einer der Polizisten auf einen Jungen ein und deutet auf das Verkehrsschild vor ihm. Ein Anderer wagte es und fragte nach den Personendaten eines Polizisten, da stieß man ihn mit dem Kopf gegen einen Zaun.
Dass die Presse nun alles Erdenkliche schreibt, um die tatsächlichen Ereignisse zu verschleiern, den entscheidenden Punkt herauszuhalten, nicht zum öffentlichen Diskussionsgegenstand werden zu lassen, macht deutlich, dass sich mit dem Fall des Willkürapparates von einst überhaupt nichts geändert hat. Nun durfte der Papiertiger verkünden, dass seine Schlägereinheiten „ein deutliches Zeichen gesetzt“ haben, für die „Null-Toleranz-Strategie“, gegenüber jugendlichen Männern und Frauen, die den Glauben an seinen Staat verloren haben.
Dabei spielte es für sie überhaupt keine Rolle, was da eigentlich gesungen wurde. Bis heute ist den Staatsschützern unklar, welche Musikgruppe gespielt hat, verkündet es die Presse. Als das Sondereinsatzkommando in die Räume drang, um die Jugendlichen bis zur Bewusstlosigkeit zu prügeln, war nur Musik aus einer Anlage zu hören.
Nicht auf am Boden liegende, gefesselte Jugendliche mit Knüppeln einzuschlagen, ihnen in das Gesicht mit ihren Stiefeln zu zertreten und sie ohnmächtig zu prügeln ist demnach kriminell, sondern das hören von Musik. Nicht der Terror und die Misshandlungen, durch die SEK Einheiten ist, demnach kriminell, sondern das hören von Musik. Nicht das Zusammenschlagen von Gefangenen im Polizeigewahrsam ist kriminell, sondern das hören von Musik. Nicht die Unterdrückung und Verfolgung von Oppositionellen ist also kriminell, sondern das hören von Musik.
Es gehört nicht viel dazu, von einem unangepassten Jugendlichen zu einem ernsthaften Oppositionellen zu werden.
An die Betroffenen:
Wir haben Anwälte eingeschalten, um rechtliche Schritte gegen die Polizeimaßnahmen vorzubereiten. Es ist wichtig, dass jeder, der Verletzungen davongetragen hat, sich diese von einem Arzt attestieren lässt. Auch diejenigen, die nicht in die Notaufnahme mussten, sollten sich ein ärztliches Attest von den Prellungen etc. einholen.
Meldet Euch über das Kontaktformular dieser Seite oder Euren regionalen Ansprechpartnern, damit wir einen Überblick bekommen, wer polizeilich aufgenommen, wer in Gewahrsam und wer verletzt wurde.
Vorladungen der Polizei werden ignoriert - egal ob als Beschuldigter oder Zeuge! Sollte ein Staatsanwalt Euch als beschuldigt vorladen, so schreibt ihm einen Brief, dass Ihr von Eurem Recht der Aussageverweigerung Gebrauch macht und daher den Termin nicht wahrnehmen werdet.
Unterrichtet andere Betroffene, die keinen Netzzugang haben. |
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