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Artikel 23.02.2008 |
| Im Leben wie im Sterben - 78. Todestag Horst Wessels |
14. Januar 1930 - Behutsam heben sie den jungen, ausgebluteten Körper auf den Tisch. Sofort beginnt der Arzt, die Schlagader abzubinden, um ein völliges Verbluten zu verhindern. Dann betrachtet er das mit Blutkrusten bedeckte Gesicht. Oberhalb des Mundwinkels ist das Einschussloch, der Oberkiefer ist verletzt, man sieht Knochensplitter und ein Geschossteil in der Wange. Die Kugel hat die Zunge durchschlagen und ist im Rachen vor dem zweiten Halswirbel stecken geblieben.
Seine Temperatur ist durch den Blutverlust gesunken. Tapfer und verbissen kämpft er gegen seine jammervolle Lage an. Langsam erholt er sich. Eine Schwester betritt sein Zimmer. Auf dem Schild über den Bett steht sein Name: Horst Wessel, 22 Jahre alt. Mit geschwollener Zunge beginnt er von seiner letzten Erinnerungen zu erzählen.
"Ich habe mir immer gedacht, dass ich eines Tages mal so ein Ding abkriege. Meine Wirtin hat mit denen bestimmt unter einer Decke gesteckt. Das ging alles so schnell, ich war gar nicht darauf vorbereitet. Ich saß am Schreibtisch und arbeitete, hörte wie jemand draußen fragte: Ist Horst Wessel da? Ich dachte, das werden Freunde von mir sein, mache die Tür auf, und da haben sie, ohne ein Wort zu sagen, geschossen. Den Knall habe ich noch gehört, habe gespürt, wie das Blut mir so warm aus dem Hals lief, aber das ging alles blitzschnell, sie haben gar nichts gesagt, sondern sind gleich weggelaufen, ich bin dann wohl ohnmächtig geworden."
Nach fünf Wochen des Bangens - es schien fast, als würde er sich erholen, so lebhaft und frisch wirkte er - verschlechterte sich sein Zustand. Immer wieder musste ihn der Arzt mit Sauerstoff und Spritzen behandeln. Als sein Kamerad, der Sturmführer Fiedler mit fünfzehn seiner treuesten Freunde kam, lag er mit geschlossenen Augen unbeweglich und schwer atmend im Bett.
Vor der Tür halten seine Freunde treu die Wacht. Seine Mutter und seine Schwester sitzen am Fußende des Bettes, während sein junger Köper mit dem Tode ringt. Eine unheimliche Schwere liegt über dem Zimmer. Manchmal, ganz leise, dringen noch Worte über seine Lippen, aber verstehen kann man sie nicht mehr. Dann hört das tapfere Herz auf zu schlagen.
78 Jahre nachdem das jungen Leben Horst Wessels im Krankenhaus am Friedrichshain erlosch, durchstreifen Widerstandskämpfer die Straßen ihrer Heimatstädte, um an die Ermordung des tapferen Studenten zu erinnern. Er ist das geheime Vorbild einer andere Jugend, einer neuen Generation, fern derer, die täglich den Abbildern künstlicher Figuren aus Fernsehen und Hochglanzmagazinen nachjagen. Sein Leben wie sein Sterben ist es, dass das Feuer in ihren Herzen entstündet, sie dazu zwingt den unerträglichen Zustand des Volkes zu verändern und dessen Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.
Auch wenn das Gedenken Horst Wessels heute verschmäht und seine Lieder verboten sind, dereinst, wenn das gedemütigte Volk aufersteht und sich in Bewegung setzt, dann marschiert er, so wie er es einst schrieb, im Geiste mit.
Für jeden, der als Freiheitspfand
sein junges Leben läßt,
stehen hunderte auf im ganzen Land
und stehn zur Fahne fest.
Heinrich Anacker




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